Rudolf August Ernst Muuss

Rudolf August Ernst Muuss 24.04.1892-31.07.1972

Auszug aus Band VI des Biographischen-Bibliogrophischen Kirschenlexikon

(1993 Spalte 407-410)

Autor: Heinrich Kröger:


MUUSS, Rudolf August Edgar, vielseitiger, heimatbewusster Pastor und engagierter Verfechter plattdeutscher Verkündigung, * 24.4. 1892 in Meldorf/Dithmarschen, + 31.7. 1972 in Niebüll/Nordfriesland, beerdigt in Stedesand, seiner längsten Wirkungsstätte. - Vom 4. Lebensjahr in Flensburg aufgewachsen, wo sein Vater Franz M. (1860-1955) Pastor war, lernte er als Tertianer Dänisch und gründete 1909 eine Wandervogelgruppe

(1916/17 Leiter im Herzogtum Schleswig). Ab 1911 studierte er in Tübingen, Kopenhagen, Bonn, Marburg und Kiel Theologie, Geschichte und Philosophie. Herbst 1915 in Kiel Erste, Ostern 1919 Zweite Theologische Prüfung, 1.6. 1919 in Flensburg ordiniert. Im deutsch-dänischen Grenzkampf wurde R.M. Mitglied des Deutschen Ausschusses und Chefredakteur des neu gegründeten »Flensburger Tageblattes« (Pseudonym:

Jens Paulsen, sein friesischer Urgroßvater); er hielt etwa 50 Versammlungen (hochdeutsch, plattdeutsch und dänisch). Nach den Abstimmungen (10.2. 1920 Nordschleswig, 14.3. Mittelschleswig) zerschlug sich eine weitere politische Tätigkeit, und er kehrte ins Pfarramt

zurück: 10.11. 1920 Tating/Eiderstedt, wo seine erste Frau Else geb.

Osterwald (1893-1929) starb, 24.8. 1930 Stedesand/Südtondern, wo er 1931 zum zweiten Mal heiratete (Theodore geb. Steensen, 1901-1983) und bis 1.8. 1957 amtierte. - Neben seinem pastoralen Dienst entfaltete R.M.

eine umfangreiche heimatliche Forschungs- und Kulturarbeit, verbunden mit breiter publizistischer Tätigkeit. Nachdem er 1926 die »Bohmstedter Richtlinien« (»Wir Nordfriesen sind deutschgesinnt«) veranlasst und verfasst hatte, wurde er 1927 Vorsitzender des Nordfriesischen Vereins für Heimatkunde und Heimatliebe, von 1902 war er außerdem Vorstandsmitglied des Landesvereins für Heimatschutz (Kommission für Friedhofskunst und Bauernhäuser). In Leeuwarden (1927) wurde er Mitglied im Friesenrat und präsidierte 1930 dem Friesenkongreß in Husum. Im 3.

Reich sympathisierte R.M. kurze Zeit mit den Deutschen Christen; bereits im Herbst 1933 schloss er sich aber der Bekennenden Kirche an und durfte ab 1934 nicht mehr außerhalb kirchlicher Räume sprechen. Wegen einer Konfirmationspredigt 1944 in Niebüll wurde ihm eine hohe Geldstrafe auferlegt. - Nach dem 2. Weltkrieg gehörte R.M. zu den »Männern der ersten Stunde« in Schleswig-Holstein und engagierte sich wieder besonders für die Wahrung des Deutschtums. Er kam August 1945 als Vertreter für Reinhard Wester (1902-1975) in die vorläufige Gesamtsynode, Ende des Jahres in den Kreistag und Kreisausschuss von Südtondern (bis 1949 als CDU-, ab 1957 als FDP-Mitglied) und 1946 in den Landtag. Schon im Herbst 1945 reaktivierte er den Nordfriesischen Verein, Anfang 1947 gründete er den Schleswig-Holsteinischen Heimatbund (SHHB), dessen Vorsitzender er wurde (bis 1949, danach lange 2.

Vorsitzender), und Pfingsten 1947 bildete er in Preetz einen »Plattdütschen Preesterkring« (seit 1963 »Arbeidskrink Plattdüütsch in de Kark« unter Propst Johannes Thies, 1904-1992). Zur Jahrhundertfeier des »Quickborn« von Klaus Groth, erschienen Hamburg 1852, proklamierte R.M. ein »Niederdeutsches Jahr« und rief in ganz Norddeutschland zu »Niederdeutschen Wochen« auf, die mit plattdeutschen Gottesdiensten beginnen sollten. 1952 war er in Telgte Mitbegründer des Deutschen Heimatbundes, 1954-1966 Vorsitzender (Öllermann) der plattdeutschen Vereine in Schleswig-Holstein (Niederdeutscher Ausschuss des SHHB) und Mitglied im Niederdeutschen Rat, einer 1959 gegründeten Fachgruppe des Deutschen Heimatbundes. - Als durchgehende Linie ergibt sich bei R.M.

sein Einsatz für die plattdeutsche Sprache, vor allem ihre Verwendung in der Kirche. Bereits im deutsch-dänischen Grenzstreit predigte er plattdeutsch wie zuvor gelegentlich sein Vater. In der Bauerngemeinde Tating geschah es monatlich. 1925 stellte R.M. aus den Ausgaben Einzelner eine Auswahl von plattdeutschen Kirchenliedern zusammen. Nach dem ersten plattdeutschen Gesangbuch (Bordesholm 1931) sorgte er für das zweite (Hamburg 1953), an einem dritten (Breklum 1967, 1971) arbeiteten er und seine Frau mit. Von weitreichender Wirkung erwiesen sich regelmäßige Rundfunkandachten, die R.M. ab Advent 1953 in Norddeutschland durchsetzte. Sein Lebenswerk war eine philologisch sorgfältige Übersetzung des Neuen Testaments, die er 1948 mit Kollegen begann und die erst nach seinem Tode abgeschlossen und gedruckt werden konnte (Breklum 1975). - Organisatorisch schwebte R.M. - wie seinerzeit dem Pommern Walter Schröder (1884-1955) und dem Lübecker Wilhelm Mildenstein (1870-1933) - ein Zusammenschluss aller plattdeutsch predigenden Pastoren vor. Anfang 1953 veröffentlichte er in den »Mitteilungen des Quickborn« 44/1, Hamburg, eine Liste mit 115 Namen - genauso viel, wie W. Schröder 1927 und 1928 im »Niedersachsenbuch« gesammelt hatte. Neben zahlreichen anderen Verdiensten war R.M., vorbereitet in der Weimarer Republik, nach 1945 zwei Jahrzehnte der führende Vertreter von Plattdüütsch in de Kark und schuf wesentliche Voraussetzungen für die weitere Entwicklung.

Werke: Schwedische Kirchenkunde. 1913 (Übersetzung); Die altgermanische Religionsgeschichte nach den kirchlichen Nachrichten aus der Bekehrungszeit der Südgermanen (Diss. Bonn), 1914; Der Jahvetempel in Elephantine. In: ZAW 36, 1916, H. 22, 81-107; Plattdeutsche Choräle. In:

Quickborn 18, 1924/25, Nr. 2, 38-40; Plattdütsche Karkenleeder. (Hrsg.) Bordesholm 1925; Volkstum, Religion und Kirche. In: R.M. / Georg Ove Tönnies (Hrsgg.), Das junge Schleswig-Holstein. 1926, 119-133; Heliands Wiederkehr? Zu Büchern Hans Friedrich Bluncks, In: Eckart 3, 1927, 115-120; Nordfriesische Sagen. Niebüll 1932, Flensburg 19332, Husum 1992; Plattdütsche Gottesdeenste. (Hrsg.) Preetz 1947; Plattdeutsch in der Kirche. In: Für Arbeit u. Besinnung I, Kiel 1948, Nr. 8, 228-233; Unsere Heimatarbeit heute. In: Deutscher Dorfkirchenfreund, 1950, Nr. 1,

13 f.; Plattdeutsch in der Kirche. In: Deutsches Pfarrerblatt 52, 1952, Nr. 8, 248; En Woord achteran. In: Gesangbook för Kark, School un Huus.

1953; Niederdeutsch im Gottesdienst. In: Richard Mehlem/Wilhelm Seedorf (Hrsgg.), Niederdeutsch. 1957, 47-51; Über plattdeutsche Bibeln. In:

Quickborn 55, 1965, Nr. 4, 86 f.; Dat Niee Testament Plattdüütsch. 1975, 1984; Bibliogr. seiner Nordfriesland gewidmeten Schriften in Nordfries.

Jahrbuch NF 8, 1972, 12-14 (55 Titel).

Lit.: Autobiogr. Skizze (westfriesisch). In: Sljucht en Rjucht 32, 1928, 824-828; - Kay-Heinrich Röhl, Gefahr im Verzuge. In: Für Arbeit u.

Besinnung II, Kiel 1949, Nr. 4, 123-126; - Hermann Quistorf / Johannes

Saß: Niederdeutsches Autorenbuch 1959, 137 u. 228; Nachtrag 1966, 65; - Pastor Dr. R.M. zum 80. Geburtstag. In: Schleswig-Holstein, 1972, H. 4, 85-95; - Heinrich Kröger, Plattdeutsches Neues Testament. Rez. In:

Nordfriesland 37, X/1, 1976, 42-45; - Ders., 100 Jahre plattdeutsche Predigt. In: Johann D. Bellmann/Heinrich Kröger (Hrsgg.), Sprache, Dialekt und Theologie. 1979, bes. 139-147; - Ders., R.M. In: Bi em tohuus. 1984, 49 f.; - Ders., Der Gebrauch des Niederdeutschen in der Bundesrepublik Deutschland - vor allem in den Kirchengemeinden. In:

Norbert Buske (Hrsg.), Niederdeutsche Bibeltradition. 1990, 111-125, bes. 112-115; - Gottfried Holtz, Rez. in: ThLZ 102, 1977, Nr. 6, 472; - Thomas Steensen, Die friesische Bewegung in Nordfriesland im 19. und 20.

Jh. (1879-1945). 1986, bes. 177-179; - Hermann Hand, Pastor Dr. M. un de »Arbeidskrink Plattdüütsch in de Kark«. In: Die Heimat 99, 1992, 71; - Gerd Vaagt, Pastor Dr. R.M. 1892-1992. In: Nordfries. Jahrbuch NF 28, 1992, 7-34; - Biogr. Lexikon f. Schleswig-Holstein und Lübeck. XI, 1994.